Hallowil.ch Interview: Die bescheidene Wiler Mode-Liebhaberin, die immer lacht

 

 

Sie weiss, was sie will. Weil sie seit 45 Jahren in der Welt der Mode unterwegs ist: Luzia Leuenberger, Inhaberin des Modehauses «Vabene» in Wil, hat ihre grosse Leidenschaft zum Alltag gemacht. Ein Porträt über eine Frau, die zeigt, dass Mode nicht einfach nur Kleidung ist.

Sie steht hinter der hübsch eingerichteten Bar, die sich im Herzen ihres Ladens befindet. Auf dem minimalistischen Regal stehen Dekorationsartikel. Ausschliesslich schwarze und weisse Gegenstände. Darunter eine schwarz-weiss gestreifte Tasche aus Porzellan. Die Form der Tasche erinnert an die klassische Damenhandtasche Birkin Bag der Modemarke Hermès. «Ja, ich liebe die Farben schwarz und weiss», sagt die Dame, die hinter der Bar steht. An diesem regnerischen Frühlingstag trägt sie ein verspieltes weisses Oberteil, weite Hosen in Créme und eine dazu passende Lederjacke. Ihre grauen Haare sind lässig nach hinten geglättet. Besonders auffällig ist ihre Brille mit dem markanten weissen Rahmen. Ihr Markenzeichen. Denn in der Äbtestadt kennt man sie unter anderem auch wegen ihrer Brille, die sie abwechslungsweise in weiss oder schwarz trägt. «Noch mehr liebe ich die Mode», führt sie weiter aus. 

Seit dem Jahr 1999, also seit 21 Jahren, besitzt Luzia Leuenberger, die in Bischofszell im Kanton Thurgau aufgewachsen ist, ihr Modehaus «Va Bene» an der Oberen Bahnhofstrasse 52 in Wil. Das führt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Kurt Leuenberger. «Als Mädchen habe ich schon davon geträumt, einen Laden in Wil zu besitzen», sagt Leuenberger. Sie nippt an ihrem Espresso, der mittlerweile kalt geworden ist. Den hat sie nämlich schon vor einer Weile zubereitet, aber in der Zwischenzeit vergessen. Weil sie in ihrem Laden wie ein leiser Wirbelwind unterwegs ist. Immer und überall packt sie mit an. Begrüsst Kundinnen und Kunden. Beantwortet Fragen der Angestellten. Weiss, wo welches Kleidungsstück und Accessoire steht. «Warum ich in Wil ein Geschäft besitzen wollte?», wiederholt Leuenberger die Frage. Weil Wil einen ganz eigenen besonderen Charme habe. Zuvor hatte Leuenberger im Jahr 1985 ein Modegeschäft für Herren in Bischofszell und im Jahr 1995 einen Laden in Weinfelden eröffnet. «Das Geschäft in Bischofszell habe ich im Jahr 1999 geschlossen, als ich nach Wil gezogen bin», erklärt Leuenberger, «der Laden in Weinfelden war bis im Jahr 2015 offen.»

Mode – eine Form der Kunst

Eine Kundin betritt das «Va Bene». Eine Kundin, die Leuenberger nur wenige Tage zuvor bei einem Kauf von neuen Outfits beraten hat. Die Frau ist Mama und wünschte sich für den Wiedereinstieg in die Berufswelt ein neues Styling. Sofort merkt Leuenberger, dass mit der Kundin etwas nicht stimmt. Dass sie verunsichert ist, sogar peinlich berührt. Leuenberger entdeckt die Einkaufstasche ihres Ladens in der Hand der Kundin. «Ich muss die Kleider leider alle zurückgeben», sagt sie. Die Ladenbesitzerin fragt, ob mit dem Kleidungsstücken etwas nicht in Ordnung ist. Die Kundin schüttelt den Kopf. Sie betont, dass ihr die Kleider sehr gefallen und ihren Stil unterstreichen. Leuenberger spürt die Verlegenheit, aber auch Scham. «Mein Ehemann möchte nicht, dass ich so zur Arbeit gehe», gesteht die Kundin mit leiser Stimme weiter, «deshalb darf ich sie nicht behalten.»

An diese Szene und Kundin erinnert sich Leuenberger noch heute. «Einerseits habe ich mit der Kundin so mitgelitten», erzählt Leuenberger nach mittlerweile zehn Jahren. «Andererseits war ich schockiert, dass Frauen im 21. Jahrhundert noch so etwas erleben müssen.» Sie habe der Kundin weder freizügige, noch für ein Büro unpassende Kleidung verkauft. Als Inhaberin eines Geschäfts erlebe man so manche Momente mit den Kunden. Leuenberger liege es am Herzen, das Beste aus ihren Kunden herauszuholen. «Bei mir stehen die Verkaufszahlen nicht an oberster Stelle», sagt sie, «sondern, dass die Frauen und Männer sich mit den Kleidern identifizieren können und eine kompetente sowie ehrliche Beratung bekommen.» Sie wolle, dass die Menschen lange Freude an den Kleidungsstücken aus ihrem Landen haben. 

«Die Mode und Kleider haben mich schon immer fasziniert – seit ich denken kann», erzählt Leuenberger, die vier Geschwister hat. «In der Familie nannte man mich den Mode-Affen.» Sie habe schon immer die unterschiedlichsten Frisuren ausprobiert. Aus Vorhängen und Leintücher hat sie schon als Mädchen Kleider zugeschnitten und genäht. Heute ist die 67-Jährige überzeugt, dass sie die Affinität zur Mode in die Wiege gelegt bekommen hat. «Weil meine Familie ärmer war, trug ich meistens die Kleider von der Tochter meines Gottis», lässt sie ihre Vergangenheit Revue passieren. Besonders schlimm fand sie früher die Schürzen, die Mädchen tragen mussten. «Die habe ich immer sofort entsorgt und meine eigenen Kleider genäht.» Besonders erinnern könne sie sich an eine weisse Schlaghose, die sie als Oberstufenschülerin selbst genäht hatte. «Der Schnitt stimmte damals hinten und vorne nicht, aber für mich bedeuteten meine eigenen Kleider die Welt», erzählt die siebenfache Grossmutter heute. Erst zu einem späteren Zeitpunkt, als ihre Schwester eine Lehre als Schneiderin absolvierte, lernte sie, worauf sie beim Nähen achten muss.